Kurz nach dem berauschenden Spielende suchten wir, eine kleine Gruppe mäßig begeisterter Fußballgucker, in der Nähe des Deutschen Theaters nach einer Möglichkeit, gemeinsam bei Kaffee und Kuchen noch einmal alles durchzusprechen: vertane Chancen, Torhüter Mißgriffe, Mittelstürmerabstaubertore, Latten- und Pfostenschüsse, durchdringende Schiedsrichterblicke und unanziehbare Wechseltrikots ¿ als, mitten in unsere Ratlosigkeit hinein, wohin wir uns nun wenden sollten, unser Außenminister in entspannter Haltung und schwarzem T-Shirt in Begleitung eines Unbekannten auf der gegenüberliegenden Straßenseite an uns vorbeischlenderte. Mit einem verstohlenen "Ist er das nicht? Das ist doch Joschka. Was macht der denn hier?" von meinem Nachbarn aufmerksam gemacht, verwunderten wir uns darüber, Ihn hier zu sehen, hätten wir ihn doch viel eher in Yokohama vermutet.
Nachdem wir uns zur weiteren Suche nach einem Café auf eine Richtung geeinigt hatten, liefen wir ohne große Anstrengung durch die Straßen von Berlin Mitte direkt dem Außenminister in die Arme. Der hatte sich kaum an den Kaffeetisch gesetzt, da äußerte mein Begleiter schon: "Na, traurig?" "Nee, überhaupt nicht. Das war doch ein spannendes Spiel und die Brasilianer haben verdient gewonnen. Ist mir fast auch lieber so", war seine durchaus staatsmännische Antwort. "Wollten Sie nicht selbst im Stadion sein?" "Oh, nein. Was meinen Sie, was das für ein Schlauch ist, 12 Stunden Hinflug, 12 Stunden Rückflug, nur um dann drei, vier Stunden dort im Stadion zu sein, das ist mir viel zu anstrengend. Ich bin eh schon genug unterwegs, ich weiß, wie anstrengend das ist. Ich stecke sowas jedenfalls nicht so leicht weg. Ich bin nach solchen Langstreckenflügen ziemlich fertig. Da war die Aussicht eines ruhigen Wochenendes mit Fußballübertragung doch viel attraktiver." - "Da haben Sie recht, im Fernsehen sieht man doch sowieso alles viel besser, man ist näher dran, weil die Kameras heute immer auf Ballhöhe sind", pflichteten wir bei. Seine Entgegnung zeigte allerdings den echten Fußballfreund: "Aber die Atmosphäre im Stadion, die ist nicht zu unterschätzen." So blieb uns nichts anderes übrig, als auf die Zukunft zu verweisen - 2006 -, worauf wir den Kommentar ernteten: "Es ist gut so, wie es ausgegangen ist, denn dann haben die anderen keinen Grund, uns zu beneiden. Besonders die Italiener." Leider konnte durch das Dazwischentreten des Kellners nicht mehr geklärt werden, um was für eine Andeutung es sich dabei handelte. Außerdem wäre es unstatthaft gewesen, den entspannten Nachmittag eines Außenministers noch weiter über Gebühr zu strapazieren. Ob es auf mehr als Cappuccino oder Mineralwasser hinauslief - Vorsicht, Bäuchlein -, konnten wir leider nicht sehen, da unsere Gruppe nicht genügend Platz unter den Großschirmen vor dem Café am Schiffbauerdamm finden konnte.
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